Türkei Putsch: Cui bono? Wem nützt es? - Woher kommt mitten im Putsch ein großformatiges Anti-Putsch-Plakat?

Cui bono? – Wem nützt es?

Leitartikel: Nach den verwirrenden Stunden rund um den nun mutmaßlich niedergeschlagenen Militärputsch in der Türkei sind Stimmen zu hören, die behaupten, dass es sich hierbei um einen von Recep Tayyip Erdoğan initiierte Aktion handeln könnte. Bevor wieder »Verschwörungstheorie« geschrien wird, sollte der Frage »Cui bono? – Wem nützt es?« nachgegangen werden.

Die Medien sprechen aktuell von einem »stümperhaften, wenig professionell« durchgeführten Aktion der Putschisten. Als Beispiel hierfür wird unter anderem angeführt, dass es keine gute Idee der Putschisten gewesen sei, ausgerechnet am Freitagabend, wo die meisten türkischen Bürger schön brav zuhause saßen, einen Umsturz auszurufen. Erdoğan konnte mit einer Leichtigkeit – wie dann auch geschehen – die zuhause sitzenden Massen mobilisieren und auf die Straße bringen.

»Was soll das für ein Putsch sein mit fünf Panzern und zwei Flugzeugen?«

Ali Utlu – bekennender Atheist und schwuler türkischstämmiger Bundesbeauftragter der Piratenpartei kommentierte die Geschehnisse der vergangenen Nacht auf seinem Twitteraccount. Ihn überkam relativ schnell das Gefühl, dass hier – wie beim Reichstagsbrand 1933- eine Inszenierung ablaufen würde. Gegen 1:30 Uhr postete er ein Bild, wo Anhänger Erdoğans großformatige Anti-Putsch-Plakate über einen Balkon hängen. Die Frage scheint mehr als berechtigt, wann diese gedruckt wurden und warum AKP-Leute so schnell in den Besitz dieser Banner kamen.

In sozialen Medien fragen sich viele Beobachter immer lauter: »Was soll das für ein Putsch sein mit fünf Panzern und zwei Flugzeugen? « Die Türkei habe bereits viele Staatsstreiche erlebt, aber so was noch nie. Angeblich sei die Luftwaffe verwickelt. Wenn dem so gewesen ist, wie konnte Erdoğan dann mitten im Putsch nach Istanbul fliegen?«, so nur einer der durchaus berechtigten Fragen, die nun auch vom ehemaligen taz- Schreiberling und jetzigen Türkei-Korrespondent der WeltN24-Gruppe, dem türkischstämmigen Deniz Yücel, thematisiert wird.

Erdoğan wird die Gunst der Stunde nutzen

Beurteilt man die direkte Folge des – wie auch immer gelagerten Putsches – dürfte klar sein, dass Erdoğan die Gunst der Stunde nutzen wird. Angefangen von der Umsetzung seiner Plänen einer weitreichenden Verfassungsänderung bis hin zur Installation eines machtfülligen und undemokratischen Präsidialregimes mit ihm an der Spitze.

Wie Alexander Wallasch in seinem Artikel schreibt und den Historiker Sven Felix Kellerhof aus seinem Buch »Der Reichstagsbrand« zitiert, habe Erdoğan hier erfolgreiche Vorbilder, auf die er sich berufen kann: »Nur einen Tag nach dem Brand, am Abend des 28. Februar 1933, wurde die »Notverordnung zum Schutz von Volk und Staat«, später bekannt als »Reichstagsbrandgesetz«, im Reichsgesetzblatt veröffentlicht. Sie verhängte den zivilen Ausnahmezustand über das gesamte Reich und setzte alle wichtigen Grundrechte der Weimarer Verfassung außer Kraft – zur »Abwehr kommunistischer staatsgefährdender Gewaltakte«. SA- und SS-Schläger verschleppten echte und vermeintliche politische Gegner, folterten sie in Kellern und Hinterhäusern. Der einsetzenden Verhaftungswelle bis Ende April 1933 fielen rund 40.000 Personen zum Opfer – vor allem Kommunisten und Sozialdemokraten«.

Woher kommt mitten im Putsch ein großformatiges Anti-Putsch-Plakat? (Bild: Twitter)

Öffentlich-rechtlich hatten nur mäßiges Interesse

Die Berichterstattung der öffentlich-rechtlichen Sender war während des Putsches in der Türkei letzte Nacht und über weite Strecken darüber hinaus mehr als beschämend. Während in einem NATO-Land gerade ein Putsch tobte, geschossen und gestorben wurde und Privatsender emsig Live-Bilder der Geschehnisse aus der Türkei sendeten, da wurde beim gebührenfinanzierten Staatsfunk um 1:46Uhr Folgendes über den Sender geschickt : ARD: Krimireihe Sherlock. ZDF: Columbo. 3SAT: Kalahari. PHOENIX: Eisbären. Tagesschau24: Wiederholung Attentat in Nizza. ZDFinfo: Berlin, Berlin....

usw. ......

http://www.metropolico.org/2016/07/16/cui-bono-wem-nuetzt-es/